Das Konzentrationslager -Teil 2- KL Groß-Rosen, mein erstes Mal

Es ist ein Zufall, dass sich ausgerechnet in der Nähe des Städtchens, in dem meine Großeltern wohnten, ein ehemaliges Konzentrationslager befand, das KL Groß-Rosen.

Das ehemalige Dorf Groß-Rosen gehört jetzt zu Polen und heißt Rogoźnica. Es liegt etwa 80 km von Breslau entfernt.

Wegen der jährlichen Gedenkfeiern, die in dem KL Groß-Rosen stattfinden, welche meine Familie früher regelmäßig besuchte, hatte ich schon als Kind die Möglichkeit eine solche Einrichtung zu sehen.

An das allererste Mal kann ich mich natürlich nicht mehr erinnern, aber vor kurzem waren wir nochmal dort.

Groß-Rosen lieferte mir viele Einblicke in das, was mein Opa erlebt haben musste. Und auch wenn es sich um ein kleines Lager handelt, ist das Gefühl und Entsetzen über die Taten, die an dem Ort passierten, kaum zu beschreiben.Ich bin mir nicht sicher ob meine Familie wegen meines Opas an den Gedenkfeiern in Groß-Rosen teilnahm, kann mir aber vorstellen, dass sie auf diese Weise ihre Anteilnahme und Mitgefühl auch für die Anderen zum Ausdruck brachte. Ich erfuhr schon früh, dass Opa in Buchenwald bei Weimar war, aufgrund der Entfernung war es mir aber nicht möglich dorthin zu reisen.

Meine Großeltern ließen sich nach dem Krieg in der Nähe von Breslau nieder. Wie genau und warum sie dorthin kamen, beschreibe ich noch in einem anderen Teil. Die nächstgrößere Stadt in dieser Gegend ist Strzegom, früher Striegau.

Dieses Gebiet ist für sein Granitvorkommen sehr bekannt und mit vielen Steinbrüchen übersät. Dies war während des zweiten Weltkriegs vermutlich auch einer der Gründe für die Einrichtung des Lagers bei Striegau.

In der Gedenkstätte und Museum kann man verschiedene Bücher erwerben. Einige hatten wir im Elternhaus. Ich schaute mir diese manchmal an. Nicht gerade eine empfehlenswerte Leselektüre für ein Kind, aber es interessierte mich. Ich fand die langen Listen mit Namen irgendwie erschreckend und zugleich anlockend. Wohlwissend, dass ich dort keine bekannten Namen fände, las ich diese Listen und war erstaunt darüber, aus wie vielen verschiedenen Ländern diese Menschen kamen und wie früh und jung sie verstarben.

In einem Konzentrationslager fällt dem Besucher,  neben einem Haupttor, meistens zuerst die fiese Umzäunung auf. So auch in Groß-Rosen. Ich dachte immer, dass diese unter Starkstrom stehenden Stacheldrahtzäune in diesem Lager, die die Gefangenen sicher von der Flucht abhalten sollten, ein besonders perfides System waren. Ich stellte aber vor Kurzem fest, dass Groß-Rosen’ Zaun recht primitiv war. Es ging noch “sicherer”.

Wie so oft in ähnlichen Einrichtungen, wurde in der Endphase des Krieges viel zerstört. Auch Groß-Rosen blieb nicht verschont. Die meisten Gebäude existieren nur noch auf Fotos. Erhalten geblieben sind unter Anderem die Küche, Glockenturm und das Haupttor mit Wachtürmen. Die Größe des Lagers ist jedoch an den Fundamenten und den sich zum Teil in Restaurierung befindenden Baracken ersichtlich. Empfehlenswert ist ein Besuch des Museums und der thematisierten Ausstellungen, welche viele der gefundenen/ausgegrabenen Exponate zeigen.

Schon beim Durchgang durch das Haupttor wird man mit vielen Dingen konfrontiert, die einen an die vergangenen Tage des Lagers nachdenken lassen.

Ihr habt sicher schon mal in einer Warteschlange an der Kasse gestanden. Wie lange? 10 oder 15 Minuten? Wir empfinden das als anstrengend oder lästig. In manchen Supermärkten bekommt man Gutscheine, wenn mal über 5 Minuten in der Schlange steht. Die Gefangenen des Lagers mussten beim Ertönen der Glocke zum Appell. Stundenlanges Stehen war normal. Und das bei jedem Wetter.

Oft mussten sie zusehen, wie Andere zum Tod durch Erhängen verurteilte am Galgen umgebracht wurden. Demonstrativ hingen die Leichen, der für kleinste Regelverstöße bestraften Gefangenen, noch mindestens am nächsten Tag um für Abschreckung zu sorgen. Der Galgen blieb ebenfalls bis heute erhalten.

Die Arbeit im Lager Groß Rosen war hart. In unmittelbarer Nähe befand sich einer der Steinbrüche. Zu den anderen Arbeitsstätten mussten die Gefangenen täglich marschieren. Was wir aus Filmen über die Sklaven des Römischen Imperiums kennen, war auch Jahrhunderte später Realität. Über 10 Stunden lang knochen- und wortwörtlich steinharte Arbeit. Und das Ganze bei minimaler Versorgung mit Lebensmitteln. Etwa 1000 Kalorien bei schwerster körperlicher Anstrengung.

Die Teile der Lagerküche kann man heute noch besichtigen. Hygiene und Gesundheitsamt-Vorschriften waren zu damaligen Zeit sicher keine Frage. Auch regelmäßige Essensausgabe nicht. Zitat aus der Infotafel: “Am Ende des Bestehens des Lagers, … , arbeitete die Küche Tag und Nacht. Daher bekamen viele Häftlinge ihr einziges warmes Essen mitten in der Nacht.” Ausruhen, Fehlanzeige.

Zu der mangelhaften Nahrungsversorgung kamen noch die katastrophalen sanitären Zustände. In der Anfangszeit des Lagers gab es keine richtige Möglichkeit zum Waschen/Duschen. Lediglich in den freistehenden, mit Wasser gefüllten Wannen/Rinnen konnten sich die Häftlinge von dem groben Schmutz abwaschen. Erst 1943 stellte man ihnen einen Waschraum zur Verfügung. Dieser diente allerdings unter Anderem auch zur Schikane. Zitat: “Wir liefen unter die Duschen aus denen abwechselnd eiskaltes oder heißes wie Feuer Wasser floss. Wenn jemand den Temperaturwechsel nicht aushielt und von dem Wasserstrom weg sprang, bekam er sofort Peitschenschläge oder Fußtritte.”

In den Unterkünften waren viele Gefangene auf engstem Raum zusammengelegt. Die  Baracken trugen zum Teil die Namen von einigen Deutschen Unternehmen, die von den Arbeitskräften solcher Konzentrationslager profitierten. Schaut euch in den Unternehmen um. Welche der Firmen erwähnt diese Zeit in ihrer, im Internet veröffentlichten (Erfolgs)Geschichte. Blaupunkt, Grundig, Porsche? Nur die wenigsten. Meist wird im Text die Zeit zwischen 193X und 1945 ausgelassen. Schade. Natürlich steckte ein gewisser Zwang und Druck mit drin. Trotzdem ist es ein Teil der Geschichte, auch Unternehmensgeschichte. Warum vergessen und verschweigen?

Auch in Groß-Rosen wurden die Leichen der massenhaft getöteten Gefangenen verbrannt. Das Krematorium bzw. der Verbrennungsofen ist erhalten und ausgestellt. Etwa 125.000 Menschen waren in der Geschichte des Lagers eingesperrt, die Zahl umfasst auch Gefangene, die lediglich zur Exekution dorthin gebraucht wurden. Geschätzte 40.000 wurden dort umgebracht.

In der Nähe des Verbrennungsofens steht ein Baum, an dem viele Gedenktafeln angebracht sind. Dieser Baum hat keine Blätter und keine Baumrinde. Er wuchs schon zur Kriegszeit dort. Man sagt, dass dort die Überreste der Opfer aufgeschüttet wurden, die diesen Baum so werden ließen. Er ging bis heute nicht kaputt.  

Den Steinbruch kann man auch besichtigen. Es sind einige der  Fördertürme erhalten und auch drei Bunker (einen davon kann man beim genauen Hinschauen auf dem 3. Foto links oben zwischen den Bäumen erkennen), die mit MGs ausgestattet der Überwachung der Arbeiter dienten.

Als Quelle für die Zahlenangaben und Zitate möchte ich an dieser Stelle die Administration und das Museum Gross-Rosen angeben und mich bei den Meschen, die für die Erhaltung und Pflege tätig sind, und für das Erinnern sorgen, bedanken. Mein Mitgefühl den Opfern und Überlebenden des Lagers.

Beim letzten Besuch des KL Groß-Rosen nahm ich mir fest vor nachzuforschen. Ich wusste nur, dass mein Opa in Buchenwald war. Aber ich wollte mehr erfahren und so telefonierte ich und schrieb die Gedenkstätte Buchenwald an.

Die Ergebnisse präsentiere ich euch im nächsten Teil.

Fortsetzung folgt …

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4 comments to Das Konzentrationslager -Teil 2- KL Groß-Rosen, mein erstes Mal

  • Naja wer würde weiter bei Blaupunkt kaufen wenn sie “stolz?” auf Ihrer Homepage oder whatever präsentieren würden das sie zu Hitlerzeiten Arbeiter in Lagern hatten :?:

  • Wenn man das heute so liest und sich die Dokumentationen anguckt wird einem natürlich klar, was da so abgegangen ist… :shock:
    Aber ich kann das Leid der vielen tausend Menschen nicht so nah an mich ranlassen, weil ich sonst verrückt werden würde. WEIL ich Deutscher bin…
    Aber… ich bin 3 Jahre nach Ende des Krieges geboren und kann mich nur für meine Eltern und Großeltern schämen, daß die sowas zugelassen haben.
    Nicht aktiv. Soviel ich weiß, war niemand aus unserer Familie an entsprechenden Stellen. Die andere Seite ist die… hätten sie das Maul zu weit aufgerissen, hätten sie wohl ein ähnliches Schicksal gehabt.
    Wie Obrigkeitsgläubig die Deutschen sind sieht man doch daran, daß die Regierung schalten und walten kann wie sie will ohne daß jemand ernsthaft “aufsteht”… :roll:
    Hoffen wir, daß es genug Mutige gibt die sich dagegen stellen, sollte sich sowas nochmal anbahnen !

  • Das war eben das Problem, auch bei den Firmen. Wer nicht “mitmachte”, der erlitt das gleiche Schicksal. Wenn man sich die Häftlingslisten anschaut, waren auch sehr viele Deutsche inhaftiert.
    Diese Tatsache wird auch oft vergessen.

    @pflechs
    Schau’ dir den Fall Porsche an. Die Vergangenheit wäre für mich kein Grund, keinen Porsche zu kaufen. Viele Firmen versuchte es mit Fonds usw. wieder gut zu machen. Reue ist ein wichtiger Punkt dabei.

  • Ein gut recherchierter Bericht, nach dem ich wieder ein Stück mehr weiß. 1000 Kalorien am Tag. Das ist schon ziemlich hart. Da wurde der Mensch ja auch nicht mehr als Mensch gesehen.

    zu den Firmen:
    Reue ist ein wichtiger Punkt ja. Aber ich glaube auch, dass wir (wir im Sinne von Menschen, die nach dem Krieg geboren worden sind) nicht ständig Reue zeigen müssen für das, was unsere Ahnen getan haben. Solidarität ja, nicht vergessen ja, aber diese Jahrzehntelange Reue. Das fällt mir schwer nachzuvollziehen.

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